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Kann die Fußball-EM Deutschlands Wirtschaft aus dem Tief helfen? Das sagen Ökonomen und die Lehren aus dem Sommermärchen 2006

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Unverhofftes Stimmungshoch: Fanfest bei der Fußball-WM 2006.
Rainer Jensen +++(c) dpa – Report+++

  • Kann die Fußball-Europameisterschaft im eigenen Land der deutschen Wirtschaft helfen, mit mehr Schwung aus der langen Krise zu kommen?
  • Ökonomen sind skeptisch. Die direkten Folgen solcher Großereignisse für das Wachstum und Jobs würden eher überschätzt. Viel hänge davon ab, wie sich die Stimmung während der EM entwickle.
  • Bei vielen werden daher Erinnerungen an die Sommermärchen-WM 2006 wach. Aber wie hat sich die Euphorie damals eigentliche auf die Wirtschaft ausgewirkt?

Die Stimmung in Deutschland ist mau. Die Krisen seit der Corona-Pandemie hinterlassen Spuren. Die Wirtschaft taumelt zwischen Rezession und Stagnation. Doch im Sommer könnte sich das Blatt wenden. Die wirtschaftliche Lage bessert sich etwas. Die Einkommen steigen kräftig. Weil die Preise nicht mehr so stark steigen, nimmt auch die Kaufkraft zu. Diese Woche dürfte die Europäische Zentralbank (EZB) die Zinsen senken. Und dann beginnt am 14. Juni die „Heim-EM“. Kann die Fußball-Europameisterschaft Deutschland aus dem Tief helfen? Erinnerungen an die Sommermärchen-WM werden wach. Wie sind die Erfahrungen von 2006 – und was erwarten Ökonomen jetzt?

Zunächst: Volkswirtschaftliche Folgen von Großveranstaltungen sind kaum zu berechnen. Es genügt nicht, einzelne Effekte wie Hotelübernachtungen, Investitionen in Stadien und Infrastruktur oder den Umsatz mit Bier und Grillwürsten zusammenzuzählen. Das sind meist Einmaleffekte. Wie sich eine WM oder EM auf längere Sicht auswirkt ist komplex. Welche Folgen verpuffen schnell? Was ist Verdrängung, weil an anderer Stelle gespart wird? Und: Welchen Wert haben gute Laune, Image oder Veränderungen im Selbstbewusstsein.

Ökonomen nähern sich der Bewertung dennoch. Nach der Fußball-WM 2006 erschienen dazu viele Studien. Natürlich zogen auch die Gastgeber selbst, also Bundesregierung und Deutscher Fußball-Bund (DFB) nach dem Sommermärchen 2006 selbst Fazit.

Regierung und DFB: WM 2006 brachte Wachstum, Jobs und Steuermilliarden

Die Bundesregierung veröffentlichte einen dicken Abschussbericht zur WM 2006. Noch heute werden darin Stolz und Erleichterung über das erfolgreiche Turnier spürbar. Auch die wirtschaftlichen Erwartungen seien übertroffen worden. Die Regierung beruft sich unter anderem auf eine Umfrage des DIHK bei 19.000 Firmen. Jede Neunte habe von mehr Umsatz während der WM berichtet, an Spielorten sogar jede Siebte. Fazit: „Unter dem Strich bleibt nach DIHK-Schätzung ein Wachstumseffekt auf das Bruttoinlandsprodukt von 0,3 Prozentpunkten und ein Plus von etwas mehr als 50 000 Arbeitsplätzen – von denen viele allerdings nur temporären Bestand hatten.“

Der DFB finanzierte sogar eine Studie zu den wirtschaftlichen Effekten. Der positive Impuls der WM habe 3,2 Milliarden Euro betragen. Dadurch wären 34 000 Jobs entstanden. Der Staat habe zusätzliche Steuern von 1,27 Milliarden Euro eingenommen. Sie hätten gereicht, um die Investitionskosten für den Stadionausbau zu bezahlen. Von der WM seien die Steuerzahler nicht belastet worden – so der DFB.

Ökonomen urteilen nüchterner: Kaum große Effekte

Das Institut für Sportökonomie SportsEconAustria widmete der Frage „Volkswirtschaftliche Effekte der FIFA Fußball WM 2006 in Deutschland“ noch im gleichen Jahr eine Studie, die es 2007 aktualisierte. Ergebnis: Die WM habe der deutschen Wirtschaft einen Impuls bis zu 10 Milliarden Euro verliehen. Das Wirtschaftswachstum sei um 0,1 bis 0,15 Prozentpunkte höher ausgefallen als ohne WM. Sechs der zehn Milliarden entfielen auf Investitionen, zwei bis drei auf heimische Konsumenten und rund eine Milliarde auf WM-Gäste aus dem Ausland. Die Studie mit Detailergebnissen und Hinweisen zur Methode findet ihr hier.

Im Sommer 2007 nahm das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) fünf Studien unter die Lupe, die bis dahin zu den wirtschaftlichen Folgen der WM 2006 erschienen waren. Ein Satz aus dem DIW-Bericht wird seither immer wieder zitiert: „Eine vergleichende Bewertung der Studien führt zu der Schlussfolgerung, dass die Fußball-WM 2006 in Deutschland keine nennenswerten konjunkturellen Effekte hatte“. Das DIW schreibt aber auch, dass Wechselwirkungen bei so großen Ereignissen „nicht quantifizierbar“ seien. „Überhaupt nicht messbar sind die längerfristig wirksamen Image-Effekte“.

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Was messbar ist, sei eher ernüchternd. So habe es im Gastgewerbe zwar zusätzliche Nachfrage gegeben. „Diese war aber zeitlich eng begrenzt und hatte keine nennenswerten gesamtwirtschaftlichen Wirkungen“, so das DIW. Auch eine Studie des Ökonomen (und Ruder-Olympiasiegers) Wolfgang Maennig ergab, dass selbst an WM-Standorten „kein statistisch abgesicherter Rückgang der Arbeitslosigkeit zu verzeichnen war.“ Die Bundesbank errechnete immerhin, dass WM-Touristen aus dem Ausland in Deutschland 1,5 Milliarden Euro ausgegeben hätten. Dies habe im Sommerquartal 2006 einen viertel Prozentpunkt zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) beigetragen.

Dennoch schreibt das DIW: „Alle Studien über die ökonomischen Effekte der Fußball-WM 2006 in Deutschland kommen zu dem Ergebnis, dass diese eher gering waren.“ Den DIW-Bericht mit mehr Details zu den Studien findet ihr hier.

Event-Wirtschaft wird für reiche Volkswirtschaften wichtiger

Das DIW weist aber auf einen weiteren Aspekt hin: „Die Fußball-WM hat einen Beitrag zur Entwicklung
der Event-Industrie in Deutschland geleistet.“ In reichen Volkswirtschaften bekommen bekämen Sport und Kultur neben der Gesundheit auch wirtschaftliche eine immer größere Bedeutung. Heute zeigen das zum Beispiel die erheblichen Effekte von Konzertreihen wie etwa von Adele mit 800.000 Zuschauern aus aller Welt in München. Events wie die WM 2006 „haben einen im Ausland messbaren Bekanntheitseffekt für Deutschland als Standort gebracht“.

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EM und Wirtschaft: It’s the Stimmung, stupid

Interessant an den Erwartungen an die Heim-EM ist, dass das Sommermärchen i2006 in der Erinnerung wie eine Wende erscheint. Die Fußball-Nationalmannschaft war als Außenseiter ins Turnier gestartet. Und hatte gut und erfolgreich gespielt. Vor der WM gab es Angst vor Gewalt, von No-Go-Gegenden war die Rede. Doch Deutschland präsentierte sich als so guter, fröhlicher Gastgeber Bis kurz vor Beginn der WM war es kalt und regnete. Mit dem Eröffnungsspiel kam die Sonne heraus und es folgten vier märchenhaft sommerliche Wochen. Kommt es mehr auf die Stimmung als den Umsatz an?

Die wichtigste Messgröße für die Stimmung in der deutschen Wirtschaft ist der Ifo-Index für das Geschäftsklima – eine große Umfrage bei tausenden Unternehmen. Im Juni 2006, als die WM ihre Dynamik entwickelte, stieg der ifo-Index auf den höchsten Stand seit rund 15 Jahren. Mit Turnierende war dann allerdings eine Stimmungsdämpfung zu verzeichnen.

Smalltalk statt Arbeit: Fußball und Produktivität

Der Stuttgarter Ökonom Markus Voeth rechnete auch negative Folgen einer Fußball-WM dagegen. Sie lenke Menschen von der Arbeit ab und drücke die Produktivität. Zur Heim-WM 2006 errechnete er für sich genommen einen negativen Gegeneffekt von 0,4 Prozent des BIP. „Wenn Sie nur auf die Produktivität abzielen, dann ist so eine WM sicherlich produktivitätsvernichtend, weil die Menschen Teile ihrer Arbeitszeit schlichtweg für andere Dinge verwenden als dies eigentlich ihr Job ist“, sagte er damals der SZ. Täglich gehe je Beschäftigten im Mittel 15 Minuten Arbeitszeit verloren. Voeth sagte aber auch: „Der positive Langfristeffekt durch eine verbesserte Stimmung, höhere Motivation, höhere Loyalität, höhere Identifikation mit dem Unternehmen, der schmälert dieses Negative. Leider sind wir nicht in der Lage zu sagen, um wie viel genau.“

Wie ist der Ausblick für die Heim-EM

Durch die EM erwartet Wirtschaftsforscher Florian Dorn vom Münchener Ifo-Institut etwas geringere Umsätze als bei der WM 2006, weil die europäischen Fans kürzer im Land bleiben als Besucher aus Übersee. „Das Sommermärchen lehrte uns aber auch, dass die WM zu einem Image-Gewinn für Deutschland insgesamt und somit auch für deutsche Unternehmen weltweit führte“, sagt Dorn der Welt am Sonntag.

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