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Fashion

„Wir versinken im Müll“: Wie Fast Fashion aus Deutschland in Ghana zur Katastrophe wird

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Accra. Es stinkt zum Himmel, die Luft ist ätzend. Müllberge, die vor sich hin qualmen, türmen sich bis zu 30 Meter hoch. Gleich daneben stehen die Hütten der Anwohnerinnen und Anwohner. Die Wasseroberfläche eines Flusses, der keine 500 Meter weiter ins Meer fließt, ist komplett unter einer dicken Schicht Lumpen verschwunden. Durch das Wasser waten Menschen, die die Abfälle durchsuchen. Der Chef der anliegenden Gemeinde, in der viele Fischer leben, berichtet von Infektionen, Vergiftungen und Hautkrankheiten. Fische gebe es im Fluss schon lange nicht mehr, erzählt er.

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Willkommen im Stadtteil Jamestown der ghanaischen Hauptstadt Accra. Willkommen an der Endstation von Fast Fashion. Wer wissen möchte, wo seine nur wenige Wochen getragenen T-Shirts, Kleider oder Hosen von Primark, Shein und Co. landen, ist hier genau richtig.

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Endstation Fast Fashion: Wo Billig-Shirts und -Hosen landen

„Furchtbar, einfach nur furchtbar“ entfährt es Svenja Schulze beim Blick auf die riesigen Lumpenberge. Kopfschüttelnd stapft die Entwicklungsministerin zusammen mit Arbeitsminister Hubertus Heil (beide SPD) durch den Müll und lässt sich vom Gemeindevorsteher Bernard die Situation erklären. Niemand kümmere sich um diese Umweltkatastrophe, klagt er. „Wir können nicht einfach unseren Müll hier herschaffen lassen und die Menschen mit den Problemen allein lassen“, mahnt Schulze nach dem Besuch des Areals, das mit „wilde Müllkippe“ nur unzureichend beschrieben ist.

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Secondhand-Verkäufer: Die Einnahmen reichen kaum mehr zum Leben

Auf dem Markt von Kantamanto sind rund 30.000 Menschen damit beschäftigt, die getragene Kleidung zu sortieren, zu reinigen, aufzuarbeiten und weiterzuverkaufen. Der Markt ist ein mehrere Fußballfelder großes Areal mit einem unübersehbaren Gewirr aus Buden und Gängen, durch die sich Beschäftigte und Käuferinnen und Käufer drängeln. Auch Schulze und Heil lassen sich durch das Gedränge führen. Eine Verkäuferin berichtet der Entwicklungsministerin davon, dass ihre Einnahmen inzwischen kaum noch zum Überleben reichen.

Wenig später stehen die beiden Minister dort, wo die internationale Textilkreislaufwirtschaft zumindest auf den ersten Blick noch funktioniert: Im Stadtteil Kantamanto befindet sich der größte Textil-Secondhand-Markt der Welt. Täglich kommen hier tonnenweise Alttextilien aus der westlichen Welt an, die Rede ist von 15 Millionen Kleidungsstücken pro Woche. Ghana ist der größte Importeur von Alttextilien – und Deutschland einer der Hauptexporteure

So geschickt die ghanaischen Schneiderinnen und Schneider auch sein mögen, die jahrzehntelang durchaus funktionierende Kreislaufwirtschaft von Textilien funktioniert nicht mehr richtig. Das liegt nicht nur an den kaum noch beherrschbaren Mengen, die in Accra landen, sondern insbesondere an der Qualität der Kleidung. Waren es früher eher haltbare Textilien aus Baumwolle, erreicht nun vermehrt billige Fast Fashion aus Kunstfaser- oder Mischgeweben den Markt.

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Unverwertbare Ware landet auf dem Müll

Liz Rickett von der US-Hilfsorganisation OR-Foundation, die sich um Textilarbeitende kümmert, berichtet, dass diese Entwicklung zwei negative Effekte hat: Zum einen verdienten die Menschen weniger, weil sich gebrauchte Fast Fashion nicht gut weiterverarbeiten lasse. Zum anderen werde ein massives Umweltproblem verursacht, weil die nicht verwertbare Ware auf wilden Müllkippen entsorgt werde und der Plastikabfall dann im Meer lande. Nach Schätzungen liegt der Anteil der in Kantamanto aussortierten Textilen inzwischen bei bis zu 40 Prozent.

Vor Müllbergen: Svenja Schulz und Hubertus Heil in Accra.

Vor Müllbergen: Svenja Schulz und Hubertus Heil in Accra.

In Europa laufen bereits Bemühungen, die Textilmüllflut einzudämmen. Das deutsche Lieferkettengesetz, das die Unternehmen zur Einhaltung von Umwelt- und Sozialstandards auch bei den Zulieferern verpflichtet, greift hier zwar nicht. Doch bei der geplanten EU-Lieferkettenrichtlinie soll auch der „Downstream“ geregelt werden, also der weitere Weg eines Produktes nach dem Gebrauch. Innerhalb der „Textilstrategie“ wird in der EU unter anderem daran gearbeitet, mit konkreten Vorgaben dafür zu sorgen, dass Produkte langlebiger werden und sich besser recyceln lassen. Außerdem hat die EU-Kommission vorgeschlagen, die Hersteller an Entsorgung und Recycling zu beteiligen. „Es ist noch ein weiter Weg, das über Kontinente hinweg zu schaffen“, räumt Ministerin Schulze allerdings ein. Ohnehin ist offen, ob die ambitionierten Pläne je beschlossen werden.

Den Textilexport zu verbieten ist keine Lösung

Eine Lösung lehnt Schulze jedenfalls ab: Den Textilexport schlicht zu verbieten. Denn damit würden Zehntausende Menschen in Ghana ihren Job verlieren, warnt die Entwicklungsministerin. Vielmehr plädiert sie dafür, durch eine europäische Regulierung besser abzugrenzen, was noch ein Secondhand-Rohstoff ist und was nur noch Müll, der in Europa entsorgt werden muss. „Das hat auch etwas mit Respekt zu tun“, meint die Ministerin. Zudem sei der Aufbau von Recyclingkapazitäten in Afrika selbst Teil der Lösung, sagt sie und kündigt von Deutschland geförderte Pilotprojekte an. „Damit können in der Textilwirtschaft in Afrika grüne Arbeitsplätze geschaffen werden“, gibt sie sich optimistisch.

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ARCHIV - 26.11.2020, Schleswig-Holstein, Dagebüll: Martin Kühn, Nationalparkranger beim Landesbetrieb für Küstenschutz, Nationalpark und Meeresschutz (LKN), trägt Schutzkleidung beim sammeln von toten Vögel an der Küste zwischen Schlüttsiel und Dagebüll. Schon der vergangene Winter hatte Deutschland und Europa eine schlimme Vogelgrippe-Welle gebracht. Nun entwickelt sich die Lage noch dramatischer - und der Winter ist noch lang. (zu dpa "Institut: Stärkste Geflügelpestepidemie überhaupt in Europa") Foto: Christian Charisius/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Vogelgrippe im Anflug: Droht schon die nächste Pandemie?

Die Vogelgrippe ist auf der Welt so stark verbreitet wie nie zuvor – und nicht nur Vögel sind betroffen. Auch bei einigen Säugetieren ließ sich das Virus H5N1 in den vergangenen Wochen nachweisen. Fachleute sind alarmiert und warnen vor dem pandemischen Potenzial des Virus.

Dem Chef des von der Ökokatastrophe betroffenen Stadtteils benötigt jedoch schnellere Lösungen. „Wir versinken im Müll. Wir werden alle krank“, hatte er Schulze und Heil berichtet. Immer mehr Fischer würden zudem arbeitslos, weil sich in ihren Netzen fast nur noch Lumpen fänden. Bei der Verabschiedung machte er aus seiner Verzweiflung keinen Hehl: „Bitte, bitte, helfen Sie uns.“

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